Street Photography – das Recht am eigenen Bild

Vor kurzem hat Martin Gommel einen tiefgreifenden Beitrag zum Thema Strassenfotografie und Recht veröffentlicht.  Für mich war das Anlass, auch noch einmal auf das Thema zu schauen. Auch wenn der ein oder andere fragen mag, ob es wirklich noch einen Aufguss zum Thema geben muss.

Zur rechtlichen Situation: Jeder Mensch in Deutschland hat ein Recht auf sein eigenes Bild. Er soll entscheiden können, ob Bilder von ihm gemacht und veröffentlicht werden. Grundsätzlich muss ein Fotograf also fragen und die Zustimmung zum Foto einholen, bevor er den Auslöser drückt. Um beweisen zu können, dass eine Einwilligung vorliegt, sollte sie schriftlich eingeholt werden. Bei Kindern und Jugendlichen ist das Einverständnis der gesetzlichen Vertreter notwendig. Die Zustimmung ist schon dann erforderlich, wenn der Abgebildete anhand von körperlichen Merkmalen zu erkennen ist. Das Recht am eigenen Bild gilt bis zu 10 Jahre über den Tod hinaus.

Das hört sich an wie „das Ende der Street Photography“ – so getitelt vom Chaos Communication Congress für einen sehr sehenswerten Vortrag des Pressefotografen Axel Schmidt zum Thema. Eigentlich dürfte es Street Fotos gar nicht geben in Deutschland. Denn wer vorher um Erlaubnis fragt, macht keine spontanen Fotos.

fotografieren verboten

Ausgenommen von den Regelungen zum Recht am eigenen Bild sind Menschenansammlungen (z.B. Demonstrationen oder Sportveranstaltungen). Hier ist das Foto in Ordnung, wenn einzelne Personen nicht im Vordergrund stehen, sondern die Veranstaltung insgesamt. Wer hingegen in einem geschlossenen Raum knipsen möchte, zum Beispiel in Behörden, Museen,  auf Sportplätzen, Konzerten,  in Parkanlagen, oder auch privaten Häusern, braucht (zusätzlich) die Zustimmung des Hausherrn.

In der rechtlichen Konsequenz kann ein Fotograf abgemahnt werden für ein Foto, das er ohne Zustimmung geknipst und veröffentlicht hat. Die Kosten für Abmahnung und Unterlassung trägt dann der Fotograf. Die Abmahnkosten sind abhängig vom Streitwert und können leicht ein paar hundert Euro betragen. Freilich muss ein hoher Streitwert vor Gericht plausibel gemacht werden, ebenso wie etwaiger Schadensersatz. Gerade bei nicht-kommerzieller Arbeit und künstlerischer Intention des Fotografen sowie nicht-verletzenden Fotos sollte hier das Risiko überschaubar sein.

Das gilt nun alles nur für deutsches Recht. Jedes Land hat eigene rechtliche Regelungen. Wer viel unterwegs ist im Ausland, kann sich mit der praktischen „Photographers Rights“ iPhone App einen Überblick zur Rechtssituation für Fotografen verschaffen. Zumindest für die USA, Australien, Kanada, UK, Japan, Spanien, Italien und Frankreich. In vielen anderen Ländern ist die Situation sehr viel liberaler als bei uns. So ist es in den USA selbstverständlich legal, alles und jeden zu fotografieren und das anschließend auch zu veröffentlichen.

Interessant, wo das besondere deutsche Recht seinen Ursprung hat: Nämlich in Friedrichsruh – und da wohne ich zufällig ganz in der Nähe ;-) Im Schloss Friedrichsruh wurde Otto von Bismarck 1898 von zwei Fotografen auf seinem Totenbett fotografiert. Die Familie der Bismarcks konnte die Veröffentlichung zwar verhindern, die beiden aber nicht belangen. So wurde dann im Jahr 1907 ein entsprechendes Gesetz für die Zukunft erlassen.

Unabhängig von den rechtlichen Aspekten ist die Strassenfotografie auch ethisch-moralisch umstritten. Für mich gilt der Grundsatz: Andere nicht anders behandeln, als ich selbst behandelt werden möchte.

Ich würde nun mal sagen, dass auf den meisten meiner Fotos die Personen nicht zu erkennen sind. Oder es sind Menschen aus meinem Umfeld abgebildet, die mit den Aufnahmen einverstanden sind. Zudem mache ich keine Bilder, auf denen Gesichter und Menschen unvorteilhaft oder gar verletzend abgebildet sind. Aber das mag jeder hier und da anders sehen. Im Zweifelsfalle würde ich ein Foto wieder löschen.

Jedenfalls dürfte es viele meiner Lieblingsfotos gar nicht geben nach deutschem Recht. Und die Frage ist auch, ob Fotografieren noch Spaß macht, wenn bei jedem Foto ein Jurist daneben stehen muss. Ich bin hier bei Till Schramm, der sich einen entspannteren Umgang mit der Strassenfotografie und der fotografischen Dokumentation des Alltagslebens wünscht. Bis dahin muss jeder Strassenfotograf sein persönliches Augenmaß finden und ansonsten mit rechtlichen und ethischen Ungewissheiten klarkommen.

Aktualisierung vom 25. März 2012:

Ein Leser hat mich auf eine Rechtsprechung hingewiesen, nach der die Aufnahme von Fotos und das anschließende Veröffentlichen der Bilder differenziert zu betrachten sind. Hierzu eine Landgerichtsentscheidung aus 2007:

„Grundsätzlich ist davon auszugehen, dass eine hinreichend schwere Verletzung des allgemeinen Persönlichkeitsrechts erst dann vorliegt, wenn es zu einer Veröffentlichung von Filmaufnahmen gekommen ist. Hierfür spricht, dass erst durch ein Zugänglichmachen gegenüber der Öffentlichkeit nachteilige Folgen für den Anspruch des einzelnen auf Achtung und Ansehen seiner Person eintreten können. Demgegenüber kann die bloße Anfertigung von Filmaufnahmen nicht bereits zu dem vom Kläger befürchteten Ansehensverlust führen.“

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